Sabine Wallach: Künstler der Entgrenzung

…Nach vier Bilderbüchern wendet  Jens Thiele sich 2009 der freien künstlerischen Arbeit zu, bleibt aber zunächst noch der Entwicklung von Bildfolgen zu Texten treu. Mit „Die Füße im Feuer“ entwirft er ein Künstlerbuch der besonderen Art. Basis ist die gleichnamige 1864 entstanden Ballade des Schweizer Autors Conrad Ferdinand Meyer. Dem hoch dramatischen, fast atemlosen Text um Schuld, um Gewalt und Tod fügt Jens Thiele auf der von spannungsvollem von Rot und Schwarz dominierten visuellen Ebene eine Rahmung, quasi eine Brechung des Blicks hinzu: die Erzählung wird innerhalb eines imaginären Filmsets verortet, sichtbar gemacht durch Scheinwerfer und Kamera. Jens Thiele verweigert sich hier –wie schon in seinen Bilderbüchern - der zu starken Identifikation mit den Protagonisten, in dem er auf zweifache Weise verfremdete, künstliche Räume schafft. Zum einen über die Collagetechnik mit ihren sichtbaren Riß- und Schnittkanten und atmosphärisch aufgeladenen, magischen Lichtinszenierungen, zum anderen in dem die Protagonisten zu Darstellern werden, die Betrachter der Bilder zu Zuschauern und somit Teil einer Inszenierung. Eine mehrfache Brechung, die einen Bezug zu Jetztzeit herstellt, auf den fiktional-symbolischen Charakter der Handlung verweist, die aber vor allem Distanz schafft und die unheilvolle Dramatik entschärft.

Die Serien „Räume“  begonnen 2009,  aber auch „Paare“ begonnen 2011, berühren die dunklen, beunruhigenden Seiten unserer Lebenswirklichkeit. Beide Werkgruppen bestehen zwar aus Einzelbildern, gleichwohl bleibt Jens Thiele auch hier dem Narrativen verhaftet, wirken die Arbeiten doch wie Filmstills, wie Standfotos, erscheinen als Angebote über das Vorher und Nachher zu rätseln. Eine Strategie des bildlichen Erzählens, die in ihrer Ästhetik z. B. an die sehr filmischen Arbeiten der Fotografen Jeff Wall, Gregory Crewdson, an Einstellungen in den Filmen von Aki Kaurismäki oder auch Bildmuster Edward Hoppers erinnern.

Charakteristisch für diese Serien ist die Verknüpfung von Alltag und Inszenierung. Jens Thiele entwirft Räume, die vordergründig vertraut wirken und doch irritierenden fremd, bar jeder Individualität und Wärme. Immer wiederkehrend ist das Motiv des  frontalen Blicks in einen dunklen, konstruierten Raum, mit einer unklaren, kühlen Lichtführung. Innerhalb dieser kargen kulissenartigen Inszenierungen, in denen Leere sich nicht nur über fehlende Gegenstände definiert, schauen wir auf Menschen, deren Körpersprache eingefroren scheint, gefangen in Momenten der Innerlichkeit, in Melancholie, Einsamkeit oder Trauer. Ein Blick nach außen, in die Welt außerhalb scheint nicht möglich, zu hermetisch, anonym und kahl die Orte, denn die Fenster, Nischen, Türen führen ins Nichts, Wandeinschübe fungieren als blockhafte Blickbarrieren. Die Figuren verharren in klaustrophobischer Isolation, in zeitlosem Stillstand und Stille. Ihre Gesichter wirken gebrochen, verstörend maskenhaft,  ihre Blicke starr, scheinbar leer. Schemenhafte Silhouetten, die gelegentlich im Hintergrund auftauchen, betonen den stillen Schrecken, versprechen weder Erlösung noch Antworten.

Ist in den Büchern Jens Thieles die verbale Kommunikation von tragender Bedeutung, sind seine freien Arbeiten eher Ausdruck von Sprachlosigkeit, von Schweigen und das hat nichts mit dem fehlenden Text zu tun. Wie die Figuren der Serie „Räume“, erscheinen auch die Paare distanziert, entfremdet, sprachlos. Körpersprache und verlorene Blicke suggerieren, dass  hier Kommunikation ausgesetzt ist. Auch geben weder die Räume noch Figuren dem Betrachter etwas preis, wir erfahren auf der sichtbaren Ebene nichts über sie: und doch ist das Schweigen beredt. Intuitiv ahnen wir etwas, projizieren hinein, fühlen uns erinnert. Die Figuren fungieren als Spiegel unserer selbst, die angenommenen Gefühlslagen scheinen eindringlich vertraut.

Wie in den Arbeiten Gregory Crewdsons wirken die Figuren erstarrt, passiv, es passiert fast nichts in den Bildern, und doch ist die Atmosphäre aufgeladen mit unausgesprochenen Fragen, Assoziationen und Gedanken.1  Denn die Enge, die Begrenztheit der Räume erweitert den Blick. Über das Sichtbare, über die Oberfläche wird die Wahrnehmung gelenkt auf das Unsichtbare, auf die Welt außerhalb des Bildrahmens, auf grundsätzliche psychologische, philosophische wie politische Fragen. Geht es doch um  Brüche und Konflikte gegenwärtiger menschlicher Existenz und um ihre Auslöser, auch jenseits des Privaten.

Jens Thieles künstlerische Entwicklung ist reich an Wendungen, denn aktuell taucht er mit seiner Serie „Nach-Bilder“ ein in die  Kunstgeschichte, in dem er über den Transfer in das Medium Collage, Malerei neu interpretiert und auflädt. Gemälde von Caravaggio, dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi oder Eric Fischl werden neu inszeniert.

Die Beziehung zwischen Mensch und Raum wird besonders in den Arbeiten nach Hammershøi, der als ein Vertreter des Symbolismus gilt, thematisiert. Interessant sind hier die durch Hammershøi inspirierten Blickstrategien. Wir betrachten  nicht eine weibliche Figur im Raum, sondern über die Rückenansicht nehmen wir ihren Blick auf, schauen mit ihr in den Raum hinein, wodurch sie zu unserer Stellvertreterin wird, uns ins Bild zieht. Aber dieses aus der Romantik bekannt Motiv der Rückenansicht verweigert sich transzendenten Assoziationen. Denn hier ist der Blick nicht ins Unendliche geweitet, sondern verengt, begrenzt, über verstellende Barrieren, Wände, Möbel, aber wieder auch durch die blockierenden Risskanten und Schichtungen der Collagetechnik. Der Raum als hermetischer Ort,  als Spiegel weiblicher Existenz erscheint leer, verstörend einsam, voll Tristesse, dem Realismus auch im ideellen Sinn verhaftet.

Jens Thiele hat mit seinen Collagen einen ganz eigenständigen, spannungsvollen Bildkosmos hat entstehen lassen, der eng verknüpft ist mit der visuellen Kultur der Gegenwart und Vergangenheit. Man könnte ihn als Künstler der Entgrenzung bezeichnen, seine Strategie ist das Spiel mit Zitaten, Bezügen, auch medialen Konzeptionen durch Verweise auf  Film, Fotografie, Theater und Malerei, er löst traditionelle Erzählformen auf, verwendet Materialien unterschiedlicher Provenienz, öffnet sich für heterogene Adressatengruppen und lässt sich stilistisch kaum kategorisieren. Insofern scheint Jens Thiele ein postmoderner Künstler, dem Surrealen aber auch Realen verhaftet. Seine Collagen sind Bildkonstruktionen, die sich illusionistischer Räumlichkeit verweigern, und so auch zu Diskursen über Bildentstehungsprozesse werden, sichtbar gemacht durch die charakteristischen, nie verleugneten Spuren des additiven, aus der Nähe betrachtet fast reliefhaft abstrakten Arbeitens mit Papier, Schere und Klebstoff.

Alle Arbeiten, ob Bilder zu Texten oder auch freie Arbeiten, verhandeln eindringlich die Brüchigkeit menschlicher Existenz mit all ihren inneren wie äußeren Begrenzungen, Widersprüchen und Ängsten. Es sind Variationen des Schwebens, uneindeutige, manchmal auch verstörende Momentaufnahmen, die die Tiefendimensionen menschlichen Seins sehr eindrucksvoll ausloten und ganz individuell gelesen werden können. Universelle, atmosphärisch verdichtete Metaphern, die gerade auch durch ihre Einbettung in eine serielle angelegten Konzeption auf Empathie zielen, uns berühren, die aber gleichzeitig offen genug sind, über die sichtbare Künstlichkeit der Räume Distanz zu halten und sich allzu gefühliger Interpretation zu verweigern...

 (Auszug aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung „Jens Thiele - Collagen“ 27. 10. 2011 im Haus der Niederlande, Münster)

1 Vgl. Gregory Crewdson: In a Lonely Place. 2011, S. 156

© Prof. Dr. Jens Thiele 2010–2011